Warum sich nicht jedes körperliche Problem behandeln und nicht jedes Trainingsproblem trainieren lässt
Du fühlst, dass dein Pferd sich irgendwo festhält. Vielleicht verwirft es sich im Genick. Vielleicht läuft es auf einer Seite plötzlich schlechter als auf der anderen. Oder in einer Gangart taucht ein Taktproblem auf, das vorher nicht da war. Vielleicht wird dein Pferd auch bei etwas plötzlich wehrig oder motzig, was bisher ganz selbstverständlich funktioniert hat. Kurzum: es fühlt sich einfach nicht mehr so an, wie du es kennst.
Und ziemlich schnell steht die Frage im Raum: Braucht mein Pferd jetzt eine Behandlung? Wir sagen: Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Denn die Grenze zwischen einem therapeutischen und einem Trainingsproblem ist nicht immer so eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheint.
Wir erleben Pferde, bei denen etwas, das zunächst nach einem körperlichen Problem aussieht, durch eine andere Art der Bewegung plötzlich viel besser wird. Und wir erleben das Gegenteil: Wir arbeiten an einem Trainingsthema und merken ziemlich schnell, dass wir an dieser Stelle nicht weitertrainieren sollten, sondern zunächst therapeutisch genauer hinschauen müssen.
Genau deshalb finden wir den engen Austausch zwischen Training und Therapie so wertvoll.
Manchmal braucht ein Pferd eine neue Bewegungsidee
Pferde entwickeln im Laufe ihres Lebens ihre ganz eigenen Bewegungsgewohnheiten. Sie haben eine bevorzugte Seite, gleichen Schwächen aus, halten sich an bestimmten Stellen fest oder finden Wege, eine Bewegung mit möglichst wenig Aufwand zu lösen.
Das muss zunächst überhaupt kein Problem sein. Aber manche dieser Lösungen werden mit der Zeit so selbstverständlich, dass das Pferd kaum noch seine ganzen Bewegungsmöglichkeiten nutzt.
Dann erleben wir beispielsweise eine Seite immer wieder als „die feste Seite“. Die Biegung fällt dort schwerer, an der Longe organisiert sich das Pferd anders oder eine bestimmte Übung gelingt einfach nicht so gut. Der erste Gedanke ist dann schnell: Da sitzt etwas fest. Das muss jemand lösen.
Interessant wird es für Petra, wenn sich im Training zeigt, dass das Pferd durchaus anders kann. Als Besitzerin spürst du häufig sehr genau, dass sich etwas verändert hat. Gleichzeitig ist es beim Reiten oder Longieren nicht immer leicht, neutral zu erkennen, wie dein Pferd eine Bewegung tatsächlich löst. Petra kann von außen beobachten, gezielt etwas an der Aufgabe verändern und aus ihrer Erfahrung mit vielen unterschiedlichen Pferden einschätzen, was sich dadurch in der Bewegung verändert. Was passiert, wenn sich die Balance verändert? Wenn das Pferd seinen Körper anders organisiert? Wenn es eine andere Möglichkeit findet, eine Aufgabe zu lösen?
Manchmal verändert sich dadurch erstaunlich viel. Eine Bewegung, die vorher fest oder schwierig erschien, wird plötzlich möglich. Dann brauchte das Pferd vielleicht gar nicht in erster Linie eine Behandlung. Es brauchte eine neue Idee, wie es seinen Körper anders benutzen kann.
Für uns ist genau das gute gymnastische Arbeit: nicht einfach Übungen vorzugeben, sondern dem Pferd zu helfen, neue und funktionellere Bewegungsmöglichkeiten zu entdecken. Denn eine Übung allein verändert lange noch kein gefestigtes Bewegungsmuster.
Und manchmal ist Training nicht die Antwort
Natürlich erleben wir genauso die andere Richtung. Wir verändern eine Aufgabe, suchen nach einer anderen Balance oder geben dem Pferd Zeit, eine neue Lösung zu finden und merken: Es geht nicht weiter. Das Pferd weicht immer wieder an derselben Stelle aus. Eine Bewegung bleibt auffällig eingeschränkt. Oder das, was wir im Training sehen und fühlen, passt für uns nicht zu einem reinen Trainingsproblem. Dann bringt es nichts, einfach noch mehr zu gymnastizieren.
Hier kommt Harrys therapeutischer und sportwissenschaftlicher Blick ins Spiel. Für ihn ist nicht nur interessant, wo sich etwas fest oder unbeweglich anfühlt. Die entscheidende Frage ist: Gibt es tatsächlich eine körperliche Einschränkung, die das Pferd daran hindert, eine Bewegung anders auszuführen? Wenn ja, kann eine Behandlung genau das Richtige sein.
Und manchmal ist die Sache damit tatsächlich erledigt. Ein Problem ist vielleicht relativ plötzlich entstanden, wird behandelt und das Pferd nimmt die wiedergewonnene Beweglichkeit ganz selbstverständlich an. Anschließend kann normal weitertrainiert werden. So einfach kann es manchmal auch sein.
Wenn eine Behandlung allein nicht reicht
Anders sieht es aus, wenn ein Pferd seinen Körper schon über längere Zeit auf eine bestimmte Weise benutzt. Natürlich wäre es schön, wenn man sagen könnte: Da ist etwas fest, der Therapeut löst es und danach ist das Problem verschwunden. Manchmal funktioniert das und manchmal eben nicht.
Eine Behandlung kann körperlich etwas verändern und dem Pferd Bewegungsmöglichkeiten zurückgeben. Aber wenn es sich über Monate oder Jahre daran gewöhnt hat, seinen Körper auf eine bestimmte Weise zu organisieren, kennt es diese Lösung meist ziemlich gut und hat sich daran gewöhnt.
Dann stellt sich nach der Behandlung für uns eine wichtige Frage: Was macht das Pferd jetzt mit der neu gewonnenen Möglichkeit? Findet es sich damit gut zurecht und benutzt seinen Körper von selbst anders? Wunderbar. Dann kannst du direkt mit deinem Pferd weiterarbeiten.
Oder kehrt das Pferd immer wieder zu seiner vertrauten Bewegungsstrategie zurück? Dann kann gutes gymnastisches Bewegungstraining dabei helfen, die neue Möglichkeit nicht nur körperlich zu haben, sondern sie auch tatsächlich zu nutzen. Beim Longieren oder Reiten können wir weiter daran arbeiten, dass das Pferd eine andere Balance findet und diese neue Möglichkeit nach und nach selbstverständlicher nutzt.
Genau hier wird eine engere Zusammenarbeit zwischen Therapie und Training sehr sinnvoll.
Wenn zwei fachliche Blickwinkel zusammenkommen
Manchmal sieht Petra im Training etwas und bittet Harry, therapeutisch draufzuschauen. Manchmal behandelt Harry ein Pferd und bittet Petra anschließend um eine Rückmeldung aus dem nächsten Training: Was hat sich in der Bewegung verändert? Welche neuen Möglichkeiten nutzt das Pferd bereits und wo greift es noch auf seine vertraute Bewegungsstrategie zurück?
Und manchmal geht es eine Weile hin und her: behandeln, beobachten, trainieren, beobachten und bei Bedarf noch einmal therapeutisch nachjustieren. Gerade bei länger bestehenden Bewegungsproblemen kann es sinnvoll sein, nicht ein halbes Jahr bis zum nächsten Termin verstreichen zu lassen, sondern für eine gewisse Zeit enger zusammenzuarbeiten.
Petra schaut darauf, wie sich das Pferd in Bewegung organisiert, wie es mit Balance und Aufgaben umgeht und welche anderen Bewegungsmöglichkeiten sich entwickeln lassen. Harry beurteilt aus therapeutischer und sportwissenschaftlicher Sicht, ob körperlich etwas im Weg steht und wo eine Behandlung sinnvoll unterstützen kann.
Der Vorteil liegt für uns nicht nur darin, dass hier Training und Therapie zusammenkommen. Es schauen tatsächlich zwei Menschen hin. Jeder von uns bringt seine eigene langjährige Erfahrung mit, achtet auf andere Dinge und kann die Beobachtung des anderen ergänzen oder auch noch einmal infrage stellen. So entsteht ein umfassenderes Bild von dem, was das Pferd gerade zeigt.
Für dich bedeutet das: Du musst die Beobachtungen aus Training und Therapie nicht selbst zusammenführen. Wir tauschen uns direkt miteinander aus und überlegen gemeinsam, welcher nächste Schritt für dein Pferd sinnvoll sein könnte. Wir sehen deshalb nicht zwangsläufig immer dasselbe. Und das ist gut so. Denn uns geht es nicht darum, möglichst viel zu behandeln oder möglichst viel zu trainieren. Uns interessiert die Frage: Was braucht dieses Pferd an dieser Stelle wirklich?
Manchmal ist das eine Behandlung. Manchmal braucht es eine andere Bewegungsidee. Und manchmal braucht es für eine Weile beides.
Entscheidend ist für uns deshalb nicht, ob wir etwas als „Therapieproblem“ oder „Trainingsproblem“ bezeichnen. Entscheidend ist, dass wir herausfinden, was dem Pferd hilft, seinen Körper wieder besser zu benutzen.
Du hast bei deinem Pferd gerade eine ähnliche Frage und bist dir unsicher, was ein sinnvoller nächster Schritt wäre?
Dann melde dich gerne bei uns. Wir schauen gemeinsam, was für dich und dein Pferd passen könnte. Kontakt
Autoren: Petra und Harald Schöner
Petra begleitet Pferde und ihre Menschen seit 2001 im ganzheitlichen, gymnastischen Training. Dabei interessiert sie besonders, wie ein Pferd seinen Körper organisiert, welche Bewegungsmöglichkeiten ihm zur Verfügung stehen und wie es zu mehr Balance und Losgelassenheit finden kann.
Harald ist Therapeut für eine gesunde Beweglichkeit von Pferd und Mensch. Ihn interessiert nicht nur, wo Beschwerden entstehen, sondern vor allem, wie sich Bewegung wieder dauerhaft verbessern lässt. Dafür verbindet er seine Erfahrungen aus Sportwissenschaft, Pferdephysio- und Manualtherapie und seiner Tätigkeit als Heilpraktiker mit dem Schwerpunkt der myofaszialen Schmerztherapie.
Am Quellberghof in Weingarten bei Karlsruhe verbinden wir gymnastisches Pferdetraining und therapeutische Begleitung, wenn das für ein Pferd sinnvoll ist. Dabei schauen wir aus zwei unterschiedlichen fachlichen Blickwinkeln auf das, was sich in der Bewegung zeigt.