In meinem Unterricht begegnen mir aktuell viele Menschen, die ihrem Pferd unbedingt gerecht werden möchten. Menschen, die sich Gedanken machen, die bereit sind zu lernen, Verantwortung übernehmen wollen und die sich intensiv damit beschäftigen, wie gesundes und sinnvolles Pferdetraining eigentlich aussehen kann.
Eigentlich ist das etwas sehr Wertvolles. Und trotzdem beobachte ich immer häufiger, dass genau dieses Wissen Menschen manchmal entweder verunsichert – oder den Blick zunehmend darauf verengt, wie etwas theoretisch aussehen müsste.
Denn je mehr Möglichkeiten, Meinungen, Konzepte und Informationen dazukommen, desto schwieriger scheint es für manche zu werden, im eigentlichen Moment mit ihrem Pferd noch klar zu bleiben. Die eine sagt A. Der andere B. Dann kommen noch C, D und E dazu – jeweils alle mit der Überzeugung, dass genau das nun der richtige Weg sei. Und irgendwann beginnt im Kopf ein ständiges Überprüfen und Hinterfragen:
War das jetzt richtig?
Müsste sich das nicht eigentlich leichter anfühlen?
Sollte das Pferd an diesem Punkt nicht schon anders laufen?
War ich zu unklar — oder nicht konsequent genug?
Übersehe ich etwas?
Und oft verschiebt sich dadurch etwas. Der Blick geht immer mehr auf das, was noch nicht richtig genug erscheint. Auf das, was man noch verbessern, korrigieren oder absichern müsste.
Und manchmal beginnt genau dort eine Art innerer Druck, der sich auch körperlich im Reiten zeigt. Nicht aus Härte. Nicht aus Ego. Sondern meistens aus dem ehrlichen Wunsch heraus, es richtig machen zu wollen.
Wie eng Wahrnehmung, Spannung und Bewegung sich im Training gegenseitig beeinflussen, habe ich bereits in meinem Artikel über Psychomotorik im Pferdetraining beschrieben. (hier gehts zum Artikel)
Was Pferde wirklich wahrnehmen
Viele Menschen möchten heute bewusst mit ihrem Pferd umgehen. Sie wollen nicht einfach „funktionieren“, sondern verstehen, wie Lernen, Bewegung und Kommunikation wirklich entstehen. Sie möchten ihr Pferd gesund erhalten, sinnvoll gymnastizieren und fein mit ihm arbeiten.
Und genau darin liegt manchmal auch die Schwierigkeit. Denn Wissen hilft uns zwar, Zusammenhänge besser zu verstehen. Es ersetzt aber nicht die Fähigkeit, im richtigen Moment wahrzunehmen, was dieses Pferd gerade wirklich braucht.
Pferde haben keine Reitlehre gelesen.
Sie reagieren nicht darauf, ob etwas theoretisch perfekt aussieht oder einer bestimmten Vorstellung entspricht.
Sie erleben nur, wie sich etwas für sie anfühlt.
Ob Bewegung verständlich und angenehm ist.
Ob Hilfen Orientierung geben.
Ob Spannung entsteht oder Losgelassenheit.
Ob ihr Gegenüber wirklich mit ihnen in Kontakt ist.
Wenn Reiten immer enger wird
Ich glaube, dass manche Menschen nicht deshalb so kontrollierend werden, weil sie ihr Pferd beherrschen möchten — sondern weil sie vor lauter Wissen irgendwann beginnen, alles gleichzeitig richtig machen zu wollen. Dann wird Reiten zunehmend zu einem ständigen Überprüfen, Absichern und Einwirken. Es entsteht mehr Aktivität, mehr Korrektur, mehr Festhalten, mehr Formung.
Und oft verschwindet dabei etwas, das für gutes Training eigentlich entscheidend wäre: Ruhe, Timing, Vetrauen in Entwicklung und die Fähigkeit wahrzunehmen, was bereits möglich ist.
Vielleicht entsteht gutes Training nämlich nicht nur dort, wo Fehler erkannt werden, sondern auch dort, wo Menschen beginnen, ihr Pferd wieder als Ganzes zu sehen — nicht ausschließlich unter dem Blickwinkel dessen, was noch nicht „richtig genug“ ist.
Denn Entwicklung entsteht selten allein durch immer mehr Korrektur. Sondern oft auch dadurch, dass ein Pferd Raum bekommt, Bewegungen besser zu verstehen, Balance zu finden und eigene Lösungen entwickeln zu dürfen.
Wenn wir Pferde reiten, tragen wir Verantwortung dafür, sie gesund zu bewegen und sinnvoll zu gymnastizieren. Wissen, praktische Fähigkeiten und die Fähigkeit, im richtigen Moment sinnvoll handeln zu können, sind dafür wichtig.
Aber gutes Pferdetraining entsteht für mich nicht allein durch Theorie oder Technik.
Sondern durch die Fähigkeit, Wissen, Wahrnehmung und Handlung miteinander zu verbinden — und dabei das Pferd nicht aus dem Blick zu verlieren.
Vielleicht liegt genau darin eine der größten Herausforderungen im heutigen Pferdetraining: zwischen all dem Wissen, all den Möglichkeiten und all dem Wunsch, es richtig zu machen, nicht zu vergessen, dass uns ein lebendiges Gegenüber begleitet — und nicht nur ein Körper, den wir formen oder trainieren wollen.
Wenn du dir im Training mehr Klarheit, Leichtigkeit und ein besseres Gefühl für dich und dein Pferd wünschst, begleite ich euch gerne dabei.
Mehr über meine Arbeit mit Pferd und Reiter findest du hier.
Du hast Fragen? Dann melde dich gerne bei mir.
Deine Petra